© Sr. M. Elisabeth Bäbler
© Sr. M. Elisabeth Bäbler

Neun Tage – neun Worte

Gegen Ende seines Lebens verfasste Franziskus ein Gebet, das nur aus Du- Anrufungen Gottes bestand. Für die nächsten neun Tage werden wir jeden Tag einen der Namen mit einer kurzen Interpretation veröffentlichen.

Die franziskanische Forschung geht heute davon aus, dass dieses Gebet von der Berührung mit dem Islam den dort bekannten 99 Gottesnahmen inspiriert worden ist. Aus diesem Grund fügen wir auch jeweils die islamische Interpretation des Namens hinzu. Wir danken Dr. Mohamend Abdelrahem von der Universität Paderborn für die uns zu verfügung gestellten Erklärungen.

 

Du bist die Liebe, die Minne

Franziskus glaubt an einen den Menschen leidenschaftlich zugewandten Gott

Im Lateinischen existieren mehrere Begriffe für das deutsche Wort Liebe. Franziskus gebraucht hier amor und caritas. Amor ist der breiteste Begriff, der auch für die leidenschaftliche Liebe verwendet wird. Caritas hatte im Mittelalter schon die Bedeutung von – tätiger – Nächstenliebe. Franziskus braucht den ersten Begriff fast ausschließlich um die Liebe Gottes auszudrücken. Für die Liebe unter den Menschen benutzt er caritas oder das dritte Wort, das ihm zur Verfügung steht: diligere, das auch mit bevorzugen übersetzt werden könnte, da eine bewusste Entscheidung für die Person, der die Liebe gilt, in der Bedeutung enthalten ist.
Das Bild, das durch die Kombination der beiden Worte entsteht, ist das eines Gottes, der den Menschen liebt – nicht alle, sondern jeden – und dieser Liebe in Zugewandtheit zeigt. Im alten Testament, vor allem bei den Propheten aber auch in den Bildern des Buches Exodus, taucht dieses Gottesbild häufig auf. Franziskus bezieht es auf den Menschen und erklärt es in diesem Gebet zu einem Teil des Wesens Gottes.

al-Wadūd (الْوَدُود) – der Liebevolle

Der Gottesname al-Wadūd bezeichnet Gott als den Liebevollen, dessen Liebe sich insbesondere in seiner Barmherzigkeit und Vergebung offenbart. Im Koran erscheint dieser Name zweimal: In Sure 11:90 wird Gottes Liebe mit seiner Barmherzigkeit (ar-Raḥīm) und in Sure 85:14 mit seiner Vergebungsbereitschaft (al-Ġafūr) verbunden.

„Und bittet euren Herrn um Vergebung, dann kehrt reumütig zu ihm zurück. Gewiss, mein Herr ist barmherzig und liebevoll.“ (11:90)

„Und er ist der Allvergebende, der Liebevolle.“ (85:14)

Gottes Liebe eröffnet dem Menschen somit auch nach Verfehlungen die Möglichkeit zur Umkehr und zu einer erneuerten Gottesbeziehung. Zugleich fordert der Koran die Menschen auf, diese Liebe durch gutes und gerechtes Handeln zu erwidern (Sure 2:195; 5:42).

Du bist die Demut

Franziskus erfährt einen Gott, der ihm vor allem im Unscheinbaren und Unauffälligen begegnet.

Franziskus sieht die Demut Gottes vor allem in der Menschwerdung. Gott, der in seiner Zeit vor allem als der Allherrscher gesehen wurde, der im Himmel thront, verzichtet auf seine Allmacht und wird zu einem hilflosen Kind, um den Menschen nahe zu sein. 1223 stellt er das in der Krippenfeier von Greccio bildlich nach, um es sich materiell vor Augen zu führen. Diese Demut setzt sich für Franziskus auch in jeder Eucharistiefeier fort, in der Gott sich in der anspruchslosen Gestalt von Brot und Wein verbirgt. Seine lebensverändernden Gottesbegegnungen geschehen unter den Aussätzigen und in einer verfallenen Kirche. Gott zeigt sich ihm nicht im Großen und Herrlichen sondern im Kleinen und Unauffälligen.

at-Tawāḍuʿ (التَّوَاضُع) – die Demut (Keine unmittelbare Entsprechung als Gottesname)

Anders als in der franziskanischen Spiritualität wird Demut im Islam nicht Gott selbst zugeschrieben, sondern als eine grundlegende Tugend des Menschen verstanden. Gott wird im Koran vielmehr als der Erhabene (al-ʿAlī) und der Große (al-Kabīr) bezeichnet. So heißt es in Sure 22:62: „Dies, weil Gott die Wahrheit ist und das, was sie an seiner statt anrufen, das Falsche ist und weil Gott der Erhabene, der Große ist.“

Demut bedeutet im islamischen Verständnis, die eigene Begrenztheit gegenüber Gott anzuerkennen und den Mitmenschen ohne Hochmut zu begegnen. Besonders deutlich wird dies in der Beschreibung der Diener des Barmherzigen in Sure 25:63: „Die Diener des Barmherzigen sind diejenigen, die bescheiden auf der Erde gehen und, wenn die Unwissenden sie ansprechen, sagen: Frieden!“

Du bist die Schönheit

Gottes Schönheit zeigt sich für Franziskus auch in dessen Lauterkeit

Währdend wir heute beim Schönhietsbegriff zwischen Ästhtetik und als äußerer Schönheit und moralischer Intrgrität als innerer Schönhiet unterscheiden sind  beim lateinischen Begriff beide Begriffe vereint. Franziskus verwendet den Begriff außer in diesem Gebet nur noch einmal, hier aber gleich zweimal. Für Ihn ist ist Gott Vor allem der Gute. Im Deutschen verbindet der etwas ältliche Begriff der Lauterkeit Schönheit und ethische Integrität. Er bedeutet , dass mein äußeres Handeln meiner inneren Haltung entspricht, und ist bei Franziskus eng mit seinem Konzept der einfahchiet verbunden. Einfachheit bedeutet für Franziskus, keine Flaten im Herzen zu haben, in denen der Mensch zusätzliche nicht offengelegte Motivationen verstecken könnte

al-Ǧamīl (الْجَمِيل) – der Schöne

Der Gottesname al-Ǧamīl, der Schöne, kommt im Koran auch nicht ausdrücklich vor, ist jedoch durch einen Ausspruch des Propheten Muḥammad belegt, und gehört zu den 99 Namen Gottes. Darin heißt es: „Gott ist schön und liebt die Schönheit.“ (Ṣaḥīḥ Muslim, Nr. 91)

Die Schönheit Gottes spiegelt sich in der Vollkommenheit und Harmonie seiner Schöpfung wider. So heißt es im Koran (Sure 32:7): „Der alles, was Er erschaffen hat, auf schöne Weise gestaltet und die Erschaffung des Menschen aus Lehm begonnen hat.“

In der islamischen Theologie und Spiritualität umfasst die göttliche Schönheit nicht nur die Vollkommenheit der Schöpfung, sondern auch Gottes Eigenschaften wie Barmherzigkeit, Güte und Weisheit. Schönheit besitzt deshalb zugleich eine ethische Dimension: Der Mensch ist dazu aufgerufen, Schönheit nicht allein in äußeren Erscheinungen zu suchen, sondern sie auch durch einen guten Charakter, aufrichtiges Handeln und einen würdevollen Umgang mit seinen Mitmenschen zum Ausdruck zu bringen.