© Sr. M. Elisabeth Bäbler

Texte

Eine Fundgrube an geistlichen Texten verschiedener Autoren die laufend ergänzt wird...

Ein paar Überlegungen zum Fest Allerheiligen

Als ich etwa 14 Jahre alt war, gingen wir als Familie mit einer Schulfreundin meiner Mutter wandern. Ewa auf halber Höhe des Aufstiegs meinte diese, sie wolle schnell in der Kapelle die dort auf der Alp stand nach den Blumen sehen. Wir folgten Ihr in das Kirchlein, in dem im Altarraum ein großes Kruzifix hing. Bis heute erinnere ich mich sehr genau daran, auf welche Weise die Freundin meiner Mutter dort die Kniebeuge machte. Es war, als grüßte sie einen alten Bekannten, mit dem Sie sehr vertraut war und ich dachte: „so eine Beziehung möchte ich auch einmal haben“. Damit hat sie mir mehr über die Möglichkeit einer gelungenen Gottesbeziehung beigebracht, als ich das in vielen Büchern hätte erlesen können. Das Allerheiligenfest – davon bin ich überzeugt – gilt auch ihr. Denn es erinnert uns an das, was das zweite Vatikanisches Konzil im Schreiben über die Kirche als „allgemeine Berufung zur Heiligkeit“ beschreibt. Was ist damit gemeint? Ich glaube, die Freundin meiner Mutter bringt das wunderbar zum Ausdruck. Sie war ein durchaus streitbares Mitglied der Kirche, die auch offen zum Ausdruck brachte, wenn sie mit gewissen Lehrmeinungen nicht einverstanden war. Dies vor allem dann, wenn sie das Gefühl hatte, das diese einen Menschen an der vollen Ausschöpfung seines Potenzials hinderten. Gleichzeitig trat sie leidenschaftlich für das Wohl jedes Menschen ein und hätte ihr letztes Hemd für ihre Schüler gegeben. Für mich, und nicht nur für mich wurde sie zu einem positiven Gesicht für Kirche, zu einem Beispiel gelebter Gottesbeziehung das mich faszinierte und mich anregte in meiner eigenen Spiritualität zu wachsen. Übersetzt man die Entlassungsformel wörtlich als dem lateinischen bedeutet sie: geht, ihr seid gesendet.  In diesem Sinne wünsche ich uns allen, dass wir uns dieser Sendung immer wieder bewusst sind: der Kirche in meiner Umgebung mein ganz unverwechselbares Gesicht zu geben. Ein Gesicht, das ihr niemand anders geben kann, und das daher unersetzlich ist.

Einige Gedanken zum Rosenkranzgebet

Der Oktober ist der Rosenkranzmonat. Grundgebete der Christenheit werden im Rosenkranzgebet aneinandergereiht: „Vater unser“ – „Gegrüßet seist du Maria!“ – „Ehre sei dem Vater…“ Es ist ein betrachtendes Gebet. Man denkt nicht an die gesprochenen Worte, sondern an das Ereignis, das da betrachtet wird: Stellen Sie sich vor, Sie wären dabei gewesen bei der Geburt Jesu…bei der Kreuzigung…bei der Herabkunft des Heiligen Geistes…und überlegen, was dieses Erlebnis mit Ihnen gemacht hätte und was das mit Ihrem Leben zu tun hat. Zum Beispiel: …den du (gemeint ist Maria) zu Elisabeth getragen hast. Wer wartet darauf, dass ich ihm Christus bringe?

Oder: …den du (gemeint ist wieder Maria, die den 12-jährigen Jesus gesucht hat) im Tempel wiedergefunden hast. Wo kann ich Jesus wiederfinden, wenn ich ihn verloren habe? Im Wald? In der Disco? Beim Jogging? Wahrscheinlich im Tempel (in der Kirche). – Vermisse ich IHN überhaupt?

Oder: …der von den Toten auferstanden ist. Was in mir ist tot und muss unbedingt wieder lebendig werden?  Wo ist Totes in meiner Umgebung, das ich wieder zum Leben bringen möchte?

Oder: …der in den Himmel aufgefahren ist. Nur ER ist der Herr der Welt, nicht irgendein kleiner Gernegroß. ER hält die „Fäden“ in Seiner Hand, auch wo ich den Überblick verliere.

Oder: …der uns den Heiligen Geist gesandt hat. Wo bin ich geistlos und erlebe Geistlosigkeit und brauche unbedingt diesen Heiligen Geist? Die Perlen des Rosenkranzes (5×1+10) in meiner Hand helfen mir dabei, dass meine Betrachtung einen angemessenen zeitlichen Rahmen bekommt und dass meine Gedanken nicht zu weit abschweifen.

Das Rosenkranzgebet gehört nicht notwendig zum Leben eines Christen. Aber viele Menschen haben in diesem Gebet Kraft und Trost gefunden. Gottes Willen erkennen und das Leben Jesu mit den Augen seiner Mutter anschauen, das bringe uns Segen „jetzt und in der Stunde unseres Todes“.

R. Pietzonka

Einige Gedanken zum Herz-Jesu Fest

 Herz JesuAm zweiten Freitag nach Pfingsten feiern wir in der katholischen Kirche das Herz-Jesu Fest. Einigen von uns ist es wohl eher fremd, und doch ist es Ausdruck einer tiefen Wahrheit des christlichen Glaubens.

Um es besser zu verstehen muss man es, so glaube ich, in den geschichtlichen Zusammenhang stellen. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts, in der Zeit, in der Margerita Maria Alacoque, auf die das Feste zurückgeht, lebte, war geprägt von der geistlichen Strömung des Jansenismus, von der gesagt wird sie habe „habe nie gelernt zu lächeln“. Der Jansenismus zeichnete sich durch vor allem durch moralische Strenge und einen fast unerreichbaren Reinheitsanspruch in der Sakramentenlehre aus. So reichte die Reue für die Absolution nicht, man verlangte die vollkommene Reue. Die Kommunion wurde als Preis für wenige moralisch einwandfrei lebende Menschen gesehen. Ein weiterer Aspekt des Jansenismus war ein religiös verbrämter Elitarismus: einige wenige sind von Gott dazu bestimmt, genügend Gnade zu erhalten, um dieses moralisch einwandfreie Leben zu leben, die andern nicht. Eine kalte Spiritualität.

Dem setzt die Spiritualität der Herz- Jesu Verehrung ein Gegenpol: zentral ist die Liebe, die flammend – leidenschaftliche Liebe Gottes für den Menschen. Margerita Maria Alacoque sieht Jesus mit flammenden Wunden und mit einem Herzen, das für die Menschen brennt. Kernpunkt ist die Beziehung, die durch die Liebe, die Gott für uns Menschen hat geprägt ist. Es wird an jenen Gott erinnert, der 99 Schafe zurücklässt um eines zu suchen, von dem gesagt wird, er esse mit Zöllnern und Sündern – in einer Zeit in der Mahlgemeinschaft Ausdruck einer sehr viel engeren Beziehung war als heute…

Und heute? Wenn man das Fest von seiner Grundaussage her betrachtet hat es in meinen Augen gerade heute eine große Aktualität: in einer Zeit, in der Selbstoptimierung in vielen Lebenslagen zu einem moralischen Imperativ geworden ist erinnerte es uns daran, dass im geistlichen Leben Beziehung vor Perfektion kommt und wir uns die Liebe Gottes nicht erarbeiten müssen.

Auch wenn die klassische bildliche Darstellung nicht meinem Kunstgeschmack entspricht, die Aussage – Jesus bietet mir sein Herz an – berührt mich immer wieder.

Gedanken zum Mai

ein Text von Dakanatsreferentin Daniela Ballhaus

Der Mai ist da. Und mit ihm die besondere Zeit der Verehrung Mariens. So viele Menschen wenden sich vertrauensvoll an Maria, weil ihr nichts Menschliches fremd ist, weil sie unsere gesamte Gefühlspalette durchlebt und durchlitten hat.

Im wahrsten Sinne des Wortes himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt war sie, wenn wir uns auf der einen Seite die Geburt und auf der anderen Seite den Tod ihres Sohnes Jesu vorstellen.

Überrascht und doch mutig war sie vorher beim Besuch des Engels Gabriels, der die junge Frau mit dieser über-menschlichen Idee Gottes konfrontierte, als Mensch durch sie zu Welt zu kommen. Maria hatte sich ihr Leben vermutlich anders vorgestellt – bei durchkreuzten Plänen und beim Annehmen dieser ist sie uns deshalb vielleicht besonders nah…

In der Begleitung des erwachsen werdenden Jesus war sie in allumfassender Weise mütterlich: sorgend, aber auch mahnend, als er weggelaufen war, im guten Sinne besser-wissend, als sie ihren Sohn auf den Missstand beim Hochzeitsfest hinwies und den mürrisch antwortenden Jesus sanft, aber fest ins Handeln bringt zum Wohle der Festgesellschaft.

Es war sicher nicht immer eitel Sonnenschein, die Mutter des Herrn zu sein, aber sie hat ihre Spuren hinterlassen in seinem Handeln. Sie hat an ihn geglaubt, sich mit ihm gefreut, mit ihm gelitten, um ihn getrauert und sich wie wir heute mitreißen lassen von seinem Sieg über den Tod. Sie war ihm so nah in allem, dass wir ihr heute noch zutrauen, dass sie ihm auch unsere so unterschiedlichen Gefühlsregungen ganz nahe bringen kann.

Im Magnificat  singt Maria ihrem Gott, der sein Volk seit Generationen nicht verlässt und ihm immer wieder sein Erbarmen zeigt. All das ist Grund zur Freude, Grund zum Loben. Darum singt Maria. Und sie singt in Erwartung all dessen, das da noch kommen soll. Ihr Lied  ist Rückschau und Ausblick zugleich. So wie Gott bereits gehandelt hat, so wird er weiterhin handeln, zukünftig in diesem ihr verheißenen Kind.

Möge der Mai uns mit Maria ein Monat der Hoffnung sein, ein Monat des Vertrauens auf Gottes Treue und seine Nähe in Jesus Christus.

 

Zu meinem fast legst du G:tt dein geschafft

Einmal
sag ich
da hätte ich fast
mein schönstes Kleid angezogen
und dir meine Tür geöffnet
und mein Brot mit dir geteilt

Einmal
sagst du
da habe ich
alles gegeben
habe gelebt und geliebt
bis zum letzten Hemd
auch für dich.

Dass du weißt
du fällst nicht
du fliegst
du vergehst nicht
du lebst

und dass du mir glaubst
wenn alles ohne Ausweg scheint
und so lang es dunkel bleibt
werd ich an deiner Seite sein.
Solang du mich brauchst
und so viel weiter darüber hinaus
geb ich dich nicht auf.

Ich will dir glauben G:tt
und öffne dir meine Tür
es ist mein Weg hinaus
aus dem Schutt von gestern
unter meinen Füßen
aus lauter ich muss erst
und ich sollte noch
aus dem ich will immer besser sein
und schaff es doch nicht

Heute, jetzt will ich dir glauben G:tt
dass mein Kleid dir reicht
denn weißt du?
es ist nicht nur schön
es ist auch aus leid.

Heut öffne ich dir
meine Herzenstür
hinterm Zentimeter Licht
geht die Sonne auf
und meine Fingerspitzen streifen
sachte ihre ersten Morgenglanz.

Ich will es glauben G:tt
zu meinem fast
legst du dein geschafft
und teilst mit mir dein Brot.

Andrea Kuhle @segens_sachen
gefunden bei @brot.und.liebe, einem ökumenischen Zoomgottesdienst

Theologische Tugenen

Die drei grundlegenden Tugenden des Christentums
sind eigentlich die dreifaltige Form der Offenheit:
die Hoffnung ist die Offenheit gegenüber der Zukunft,
der Glaube die Offenheit gegenüber dem Geheimnis Gottes
und die Liebe die Offenheit gegenüber dem Geheimnis des Menschen und Gottes zugleich.

Aus: Tomáš Halík, Die Zeit der leeren Kirchen

Von der Harmonie der Gegensätze

Das Volk, das in der Finsternis ging, sah ein helles Licht
Wer im Dunkeln geht, erkennt den Wert des Lichtes. Und umgekehrt? Stellen wir uns nur vor, es gäbe keine Nacht mehr. Dunkel und Licht, Tag und Nacht sind Gegensätze, die sich gegenseitig bedingen.

Wir leben von diesen Gegensätzen und Rhythmen, in unserem äußeren wie in unserem inneren Leben. Martin Schleske spricht in seinem Buch „Der Klang“ von der Harmonie der Gegensätze. Er bezieht sich darauf, dass ein Instrument nur dann einen wirklich schönen Klang erzeugt, wenn beide dieser Gegensätze zusammenklingen Er wendet diese Erkenntnis auch auf den Menschen an und braucht dafür sechs Wortpaare:

Gnade/Geschenk und Arbeit

Ohnmacht und Vollmacht

Zulassen und Gestalten

Hören und Tun

Du bist und du sollst

Wahrheit und Güte

Vollkommenheit und Vorläufigkeit

Alle diese Haltungen sind in sich kostbar und doch bedingen sich alle diese Wortpaare gegenseitig auf dynamische Weise und müssen immer wieder neu austariert werden. Wenn wir uns zu sehr in eine der Richtungen bewegen, stürzen sie ab und werden destruktiv. Ziel ist hier nicht der goldene Mittelweg – das wäre, wie wenn wir Beuger und Strecker unseres Armes auf den goldenen Mittelweg bringen möchten – sondern das Zusammenspiel der Gegensätze, das nie starr sein kann.

 

In Stresssituationen neigen wir dazu, uns auf eine Seite dieses Paares zurückzuziehen und darin stecken zu bleiben. Dann sitzen wir innerlich im Dunkeln.

Jede*r von uns hat ein eigenes Set an Wortpaaren, an Haltungen und Werten, die wichtig sind. Was sind deine Wortpaare? Wie weit bin ich gerade auf dem Weg von einem zum anderen? In welche Richtung bin ich
gerade unterwegs?