Auf dem Weg nach Emmaus
Wandlung erfahren
Eine Frau erzählte einmal von einem der schwersten Tage ihres Lebens: Ihr Mann war plötzlich gestorben. Am nächsten Morgen ging sie spazieren, einfach um Luft zu bekommen. Der Himmel war grau und sie fühlte sich völlig leer. Nach dem Spaziergang im Park setzte sie sich auf eine Bank. Ein älterer Mann setzte sich neben sie. Er kannte die Frau nicht, aber er sah ihre Tränen und fragte leise: „Ist heute ein schwerer Tag?“ Sie nickte. Dann unterhielten sich die beiden eine ganze Weile. Der Mann sagte nicht viele Worte, aber er hörte ihr zu. Als sie nach Hause ging, fühlte sie sich immer noch traurig. Aber sie sagte später: „In diesem Moment hatte ich das Gefühl, dass Gott mich nicht vergessen hat.“ Den Mann hat sie nie wiedergesehen. Aber sie sagte: „Manchmal glaube ich, Gott hat mir an diesem Tag einfach jemanden geschickt, der ein Stück mit mir gegangen ist.
Und genau darum geht es in der Geschichte der Emmausjünger. Zwei Menschen gehen einen schweren Weg. Sie sind traurig und voller Fragen. Und plötzlich geht jemand mit ihnen – Jesus ! Er ist da – aber sie erkennen ihn nicht Das Evangelium, dass wir eben gehört haben, ist sicher jedem von uns vertraut. In jedem Jahr wird es uns in der österlichen Liturgie verkündet. Es gehört für mich zu den biblischen Erzählungen, die ich schon als Kind gerne gehört habe und die mich auch heute noch immer wieder ansprechen. Die Erzählung von Lukas und seinen Freunden, die nach Emmaus gehen, hat, so finde ich Lukas meisterhaft gestaltet. Erfunden hat er diese Erzählung sicherlich nicht, sondern mündlich oder schriftlich erfahren und beim Formulieren vielleicht auch auf eigene Erfahrungen zurückgegriffen. So wurde diese Erzählung zu einem ganz persönlichen Zeugnis des Lukas. Er hat für eine Leserschaft geschrieben, die von den Ereignissen um Jesus selbst nichts mitbekommen haben.
Dadurch , dass der Freund, vielleicht war es ja auch eine Freundin des Kleophas ungenannt bleibt, kann jeder oder jede Einzelne sich in seine Person einfühlen und sozusagen selbst mitgehen und Jesus begegnen. Obwohl uns heute so viel Zeit und Raum von Jesus trennen, können wir an anhand seiner Geschichte mitten in die Erfahrungen dieser ersten Jünger und Gemeinde hineingehen. Ich denke, dass es Lukas bei dieser Erzählung um genau solche Leute wie uns geht. Um Menschen, die sich für eine Begegnung mit Jesus interessieren, aber nicht recht wissen, wie es geschehen soll.
Zu der Zeit als Lukas das Evangelium geschrieben hat, stehen seine Mitchristen vor folgendem Problem: Sicher, Petrus und die anderen Jünger die haben damals Jesus als den Auferstandenen Herrn gesehen. Aber die, die es nicht miterlebt haben, die dachten vielleicht: Wir sehen ihn nicht. Wie können wir sicher sein, dass sich die Leute von damals nicht getäuscht haben. Lukas aber übersetzt ihnen und uns die Auferstehungserlebnisse um Petrus. So werden sie nacherlebbar und immer wieder neu erlebbar. So ist die Geschichte der Emmausjünger eine der hoffnungsvollsten Geschiche der Bibel. Besonders dann, wenn man sich in einer Situation befindet, in der man sich fragt:“Siehst du mich Gott?“ Es ist eine Geschichte, die zeigt, dass Jesus gerade dann bei uns ist, wenn wir ihn am wenigsten spüren.
EMMAUS ist ein Ort, der heute nicht mehr auf der Landkarte zu finden ist. Welches Dorf im Umkreis von Jerusalem gemeint ist, ist nicht ganz klar. Ungefähr 60 Stadien ,11 km von Jerusalem entfernt. Und doch ist das Dorf bei Jerusalem für uns Christen ein bedeutungsvoller Ort. Einige behaupten sogar: Emmaus sei überall !
Ich weiß nicht, wie es ihnen ergeht, wenn sie diesen Text aus dem Lukasevangelium hören. Ein Text, der bekannt ist und dennoch, sich dem einen oder dem anderen immer wieder neu erschließt. Da berichtet der Evangelist von zwei Jüngern. Von Kleophas und einem dessen Name nicht bekannt ist. Diese beiden machen sich also am Ostertag von Jerusalem auf den Weg nach Emmaus. Es war sicher kein erbaulicher Spaziergang. Nein, sie wollten weg aus Jerusalem, wo ihr Traum zerbrochen war. Traurig, verunsichert und ratlos sind sie auf dem Weg. Und die bohrende Frage nach dem Sinn des Lebens und all dessen, was sich zugetragen hat, quält sie. Sie hatten gehofft, ER, Jesus, würde an die Macht kommen. Dieser Mann, den die Römer nun ans Kreuz genagelt hatten, würde in der Lage sein, ihnen zu helfen um ihnen die ersehnte Freiheit zu schenken. Aber es kam alles ganz anders. Dieser Jesus wurde von den Römern verhaftet und ans Kreuz geschlagen. Alles ist so geblieben wie vorher. Alles, worauf sie ihr Leben gebaut hatten, auf diesen Jesus, ihr Hoffnungsträger, auf den sie ihre Zukunft gesetzt hatten, ist nun zerstört. ER war Balsam für betrübte Seelen, Schutz vor Hoffnungslosigkeit. Sie wollten nur raus, raus aus dieser Stadt.
Ich sehe sie bildlich vor mir: Ihre Schritte sind schleppend, stolpernd, bleischwere Glieder, ein blutendes Herz, leer, verzweifelt, fassungslos, traurig und total enttäuscht. Sie fragen sich: „Wie soll es weiter gehen? Was soll jetzt aus uns werden? Was wird uns bleiben?
Seine Worte – seine Taten ?
Alles worauf sie gebaut hatten scheint verloren.
Die Hoffnung ist begraben wie ein Stein vor dem Grab.
Immer wieder stellen sie sich die gleiche Frage:“ Warum musste er am Kreuz sterben?“ Ihr Leben war total aus den Fugen geraten, es wurde buchstäblich durchkreuzt. Alles scheint sinnlos. Ihre Enttäuschung riesengroß. Die beiden drehen sich im Keis und ihre Gedanken kreisten nur noch um das eine Thema. Dabei kommen sie nur mit den Füssen weiter, nicht aber mit den Gedanken und Empfindungen. Das verhindert die Wahrnehmung dessen, was sich sonst noch auf diesem Weg abspielt. Sie sind so mit ihren Fragen beschäftigt, dass sie den Fremden , der sich ihnen anschließt, nicht wahrnehmen.
Der, der nun mit ihnen auf dem Weg nach Emmaus ist, ist kein anderer, als der auferstandene Jesus. So in ihrer Traurigkeit verstrickt sehen sie nur noch sich selbst. Blind im Leid sind sie wie mit Scheuklappen unterwegs. Der Fremde interessiert sich für das, über das sie miteinander sprechen und fragt nach: „Was sind das für Dinge, über die ihr euch unterhaltet?“ Da bleiben sie traurig stehen. Sie sind erschüttert, dass der Fremde offenbar keine Ahnung hat. Sie müssen das ganze also nochmal. von vorne erzählen. „Bist du so fremd in Jerusalem, dass du als einziger nicht weißt, was in diesen Tagen dort geschehen ist?“ antwortete Kleophas. Dann erzählten sie ihm, wer er war, was er getan hat, was sie mit ihm erlebt haben und das s er zum Tode verurteilt und an Kreuz geschlagen wurden. Dass er ihre große Hoffnung war. Und dass das ganze jetzt drei Tage her ist. Während sie miteinander gingen, fassten sie immer mehr Vertrauen zu ihm und erzählten auch von den drei Frauen, die das leere Grab entdeckt hatten. Die Jünger hatten es nachgeprüft. Es hilft nichts. Es gibt keinen Grund zur Freude und der Hoffnung. Auch jetzt sahen die jünger ihn, aber auch jetzt sie erkannten ihn immer noch nicht.
Der Fremde hört ihnen zu, hört ihr Klagen, ihre Verzweifelung und ihre Trauer. Jetzt richtet der Fremde, und wir wissen, dass es Jesus ist, das Wort an sie. Und weil sie ihn nicht erkennen, konzentriert sich alles auf sein Wort: Was Jesus spricht ist mitteilendes, aufschließendes und wirkendes Wort. Da hilft es auch nicht, dass der Fremde die Zusammenhänge des Geschehens aufdeckt und alles erklärt, was über ihn in der Schrift geschrieben steht. Er sagt zu ihnen: „Seid ihr so unverständig und so schwer von Begriff, um darauf zu vertrauen, was die Propheten und Prophetinnen gesagt haben?“ In ihrer Traurigkeit verstrickt, sehen sie nur noch sich selbst. Sie nehmen nicht wahr, dass ihre erstorbene Hoffnung auferstanden und in der Person Jesu in ihrer Mitte ist. Noch sind sie blind für die Botschaft ihres Weggefährten. Doch spüren sie ganz tief in ihrem Herzen, dass seine Gesellschaft ihnen irgendwie gut tut, ja sogar anrührt. Das ist vielleicht der tröstliche Gedanke dieser Geschichte:
Die Jünger sehen Jesus nicht – aber Jesus sieht sie
Sie erkennen ihn nicht – aber er kennt sie
Sie merken nichts von seiner Nähe – aber er geht mit ihnen
Angekommen in ihrem Dorf, tut er so, als wolle er weitergehen. Die Jünger aber sprechen eine Einladung aus und bitten ihn, doch zu bleiben. Es wird dunkel und die Nacht bricht bald herein. Und Jesus…er bleibt und handelt als Hausvater, der den Lobpreis spricht, das Brot bricht und es ihnen reicht. So, wie er es auch bei den Brotvermehrungen tat.
Beim gemeinsamen Mal wird die Gemeinschaft hergestellt. Und dabei geschieht es… Der, der ihnen das Brot reicht, gibt sich ihnen zu erkennen. Ihre Blindheit wandelt sich in Erkennen. Es heißt: Da gingen ihnen die Augen auf und sie erkannten ihn… sahen ihn aber nicht mehr. Da wurde ihnen klar, dass sie schon unterwegs, als er ihnen die Schrift auslegte, berührt wurden. „Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete?“ Daraufhin gingen sie nach Jerusalem zurück.
Ich stelle mir vor, dass sie sich glücklich und fröhlich auf den Weg gemacht hatten. Ihre Schritte waren leicht, nicht so schwer, wie am Anfang der Geschichte, und dass sie es nicht abwarten konnten, das Erlebte zu erzählen.
Die Geschichte der Emmausjünger steuert auf einen ganz besonderen Moment zu: Wir haben gehört, dass sie am Ende mit dem Fremden am Tisch sitzen. Jesus nimmt das Brot, dankt, bricht es und gibt es ihnen. Und genau in dem Moment, so heißt es, gehen ihnen die Augen auf, Es ist wie ein Schleier, der ihnen von den Augen genommen. Man könnte meinen : jetzt ist alles klar – sie erkennen ihn. Aber der entscheidende Weg dahin beginnt viel früher.
Schon unterwegs passiert etwas. Jesus spricht mit ihnen. Er erklärt ihnen die Schrift. Er legt Gottes Wort aus. Später sagen die Jünger: “Brannte uns nicht das Herz in uns, als er mit uns redete?“
Das ist der Schlüssel. Bevor sie Jesus im Brot, im Brotbrechen erkennen, berührt sein Wort ihr Herz. Hier wird das Wort Jesu lebendig: „Der Mensch lebt nicht von Brot allein“. Ja, das Brot ist wichtig. Es stillt den Hunger unseres Körpers. Aber die Emmausjünger zeigen uns: Der Mensch hat noch einen viel tieferen Hunger. Und genau diesen Hunger stillt Jesus – nicht zuerst mit Brot, sondern mit dem Wort Gottes. Er richtet ihre Gedanken neu aus. Er öffnet ihnen die Augen für Gottes Plan. Er schenkt ihnen neue Hoffnung. Das Brot am Ende bestätigt nur, was das Wort schon begonnen hat. Oder anders gesagt: das Wort öffnet das Herz – und das Brot öffnet die Augen. Beides gehört zusammen.
Auch für uns heute.
Wir leben in einer Welt, in der wir oft gut versorgt sind. Brot ist im Überfluss da. Doch haben viele Menschen das Gefühl: Etwas fehlt. Denn der Mensch lebt eben nicht vom Brot allein. Wir brauchen Worte , die uns tragen, Worte, die uns aufrichten, Worte, die uns sagen: du bist nicht allein.
Genau das tut Jesus.
Er geht mit uns. Er spricht zu uns durch das Wort, durch Menschen und Situationen. Und manchmal merken wir erst später: sein Wort hat unser Herz verändert. Die Emmausjünger lehren uns: wer nur auf das Brot schaut, sieht nicht genug. Wer aber auf das Wort Gottes hört, dessen Herz beginnt zu brennen. Und wer beides erlebt Wort und Brot – der erkennt :Jesus lebt und ist uns näher, als wir denken.
Am zweiten Freitag nach Pfingsten feiern wir in der katholischen Kirche das Herz-Jesu Fest. Einigen von uns ist es wohl eher fremd, und doch ist es Ausdruck einer tiefen Wahrheit des christlichen Glaubens.
Das Volk, das in der Finsternis ging, sah ein helles Licht